Hinter den Kulissen & die berühmten 10%

„Ein Engagement ist ein Punkt auf einer Karrierekurve. Agenturbetreuung läuft entlang der gesamten Kurve.“

In einer erfahrenen Agentur einen Platz zu bekommen, ist für viele Schauspieler:innen ein wichtiger Karriereschritt. Eine Agenturvertretung bedeutet, sich professionell am Markt aufzustellen. Aber was bedeutet das konkret und was hat es mit den Agenturprozenten so auf sich? Die Kampagne #mehralsverhandelt des VdA macht sichtbar, was häufig unsichtbar bleibt. 

Der Hintergrund

Viele Agentinnen und Agenten haben ein einschlägiges ‚Vorleben‘ und bringen bereits Erfahrung aus unterschiedlichen Bereichen der Kultur- und Medienbranche mit. Sie haben studiert, in einem Bereich der Kulturbranche Karriere gemacht, oder standen vielleicht viele Jahre selbst auf der Bühne und vor der Kamera. Diese Erfahrungen und dieses Netzwerk fließen in die täglich Arbeit ein.

Aufgrund veränderter wirtschaftlicher und rechtlicher Rahmenbedingungen sind wir als Agenturen gefordert uns laufend weiterzubilden. Gleichzeitig verstärkt die aktuelle Situation den Verhandlungsdruck und die vermittelnde Funktion zwischen den Parteien wird immer wichtiger. Seit einigen Jahren ist Social Media unerlässlich. Dabei geht es nicht nur darum als Agentur selbst präsent zu sein, sondern auch darum, unsere Künstlerinnen und Künstlern bei der Entwicklung ihr individuelles Profil zu unterstützen. Aktuell kommt die KI hinzu. Und natürlich behalten wir relevante Branchenthemen wie Machtmissbrauch, Gender-Pay-Gap und Gleichbehandlung im Blick.

All das läuft im Hintergrund ab und diese Mischung ist für die Klient:innen Gold wert.

Das Leistungspaket

Aus dieser Erfahrung entwickelt sich ein gutes Gespür dafür, wann welcher Schritt strategisch sinnvoll ist. Was hat Priorität, was kann oder muss warten. Es geht um den klugen Einsatz von Ressourcen wie Energie, Zeit und Geld – darum bestimmte Bereiche zu pushen und andere im Vertrauen laufen zu lassen.

Im besten Fall ist die Zusammenarbeit auch getragen von einem Gleichklang im künstlerischen Anspruch und Geschmack. Neben Vertrauen und Sympathie meiner Ansicht nach ein ganz wichtiger Aspekt.

Die berühmten 10 Prozent

Die berühmten 10 Prozent sind übrigens keine Erfindung der letzten Jahre. Das Provisionsmodell hat in der professionellen Künstlervermittlung eine lange Tradition. Im amerikanischen Schauspielbereich ist die 10-Prozent-Grenze seit Jahrzehnten in den Agenturregelungen der Gewerkschaft verankert und gilt für franchisierte SAG-AFTRA-Agenturen bis heute. 

Die Prozente, die im Zusammenhang mit einem Engagement anfallen, sind nicht als Honorar für die Vermittlung dieses einen Jobs oder die oder Verhandlung eines Vertrages zu verstehen. 

Bei einem Neuzugang beginnt die Arbeit meist lange bevor der erste Vertrag zustande kommt. Es gibt Gespräche über Wünsche, Ziele und bisherige Erfahrungen, Material wird gesichtet, der CV überprüft, Fotomaterial und Portale werden besprochen, Positionierung und nächste Schritte überlegt. Vielleicht braucht es neue Fotos, ein Demo, einen Workshop – vielleicht ist gerade genau das Gegenteil richtig und es gilt abzuwarten.

Die Prozente vergüten in der Summe die kontinuierliche Arbeit der Agentur über die gesamte Dauer der Zusammenarbeit – und das auch in Zeiten, in denen gerade kein Engagement zustande kommt, eine Karriere stagniert oder aus anderen Gründen eine Pause entsteht.

Individuelle Entscheidung

Sich eine Agentur leisten zu wollen ist sicherlich eine unternehmerische Entscheidung.

Wer den Blick von außen und den Austausch sucht, jemanden an seiner Seite haben will, der sich auskennt, eine gesunde Distanz zum Geschehen hat und gleichzeitig loyal die eigenen Interessen vertritt, ist mit einer Agentur gut aufgehoben. In diesem Verständnis sind die 10 Prozent weniger Kosten für einen einzelnen Job als eine Investition in kontinuierliche professionelle Begleitung.


Weitere Artikel aus der Serie: „Gute Agentur. Gute Zusammenarbeit – Woran merke ich als Künstler, dass ich die richtige Agentur gefunden habe?“ und „#mehralsverhandelt – was Agenturbetreuung für mich bedeutet“.

Im nächsten Teil dieser Blogserie wird es dann persönlich – mein Weg zur Agentur, warum ich ‚klein‘ geblieben bin und welche Perspektive ich in der Zukunft sehe.

#mehralsverhandelt – was Agenturbetreuung für mich bedeutet

Im Zuge der Social-Media-Kampagne #mehralsverhandelt und #wirsindderverband des Verbands der Agenturen wurde uns Agenturen ein Fragenkatalog zugestellt. Wir sollten uns ein, zwei Fragen aussuchen und sie im Rahmen von kurzen Videos beantworten.

Darunter Fragen wie: Was mach einen guten Agent in aus?, Warum sind Agenturen wichtig in der Branche? Wo endet deine Verantwortung für deine Klient:innen – und wo beginnt ihre Eigenverantwortung? Wann ist dir klar geworden, dass Agenturarbeit mehr ist als „verhandeln“? Was bedeutet Loyalität für dich – gegenüber Klient:innen, Kolleg:innen, Produzent:innen? Wie siehst du die Zukunft des Berufsbilds Agent:in in Zeiten von KI, Selftapes und Social Media?

Es war ein willkommener Anlass, das eigene Agentendasein etwas zu reflektieren – und so entstanden nicht nur ein paar Videos, sondern auch eine kleine Blogserie, in der ich die Fragen zum Anlass nehme, über Agenturarbeit nachzudenken.

Ein Umfeld schaffen, in dem Karriere möglich wird

Manche glauben, wir sind Arbeitsvermittler, manche denken wir verhandeln Verträge. Ja das tun wir – aber eben nicht nur. Diese Reduktion auf Vermittlung und Verhandlung wird der Arbeit einer Agentur allerdings nicht gerecht. Vieles von dem, was wir tun, passiert lange bevor ein Vertrag auf dem Tisch liegt – und natürlich auch noch lange danach.

Meine Sicht auf Agenturarbeit wurde stark dadurch geprägt, dass ich nicht direkt in einer Agentur begonnen habe. Ich habe zuvor in Theatern und Kulturinstitutionen gearbeitet und konnte so Künstlerinnen und Künstler unmittelbar im Produktionsalltag erleben.

Mit den Künstlern in den Produktionen zu arbeiten und dabei ganz unmittelbar zu erleben, wie es ihnen geht, welche Themen ihnen wichtig sind, wo es hakt, welche Dynamiken entstehen – hat wahrscheinlich meine Form der Agenturbetreuung schlussendlich sehr beeinflusst. Die grundlegende Frage war und ist für mich immer: 

Was braucht ein kreativer Mensch, um gut, frei und sicher arbeiten, ‚sein Ding‘, machen zu können?

Sicherheit & Stabilität

Eine Agentur kann Stabilität und somit Sicherheit geben. In unseren aktuell recht holprigen und herausfordernden Zeiten scheint das wichtiger denn je: ein sicheres Umfeld, eine Bindung auf die man sich verlassen kann – „In guten wie in schlechten Zeiten„.

Der professionelle Blick von außen ist unerlässlich. Jemand der Überblick und Ruhe behält und unbedingte loyal ist. Das ist gerade in den seit längerem recht stürmischen Zeiten besonders wichtig – und wenn alles toll läuft, hat man jemand, der genau weiß, wie der Weg dahin war und mit dem man dann auch entsprechend feiern kann.

Gerade denjenigen, die neu in den Markt einsteigen, kann ich nur wünschen Unterstützung zu haben. Man kommt mit viel Energie und Ambition aus der Ausbildung. Es ist um so vieles leichter, wenn man die grundlegenden Spielregeln kennt. Wie funktioniert das hier? Was brauche ich? Vieles an Stolpern und an Frust passiert auf Grund von ungenügendem Wissen – und ist vermeidbar. 

Bei all jenen, die schon länger dabei sind, hat sich gezeigt, dass es im Laufe des Karrierewegs, Wendepunkte oder Ereignisse, geben kann, in denen eine starke Begleitung an der Seite einfach hilfreich ist.

Mäandernd oder stringent – jeder Karriereweg ist anders

Ein künstlerischer Karriereweg kann sich so unterschiedlich entwickeln, wie wir Menschen verschieden sind und die Zeiten turbulent. Das macht die Agenturarbeit auch so spannend. Im Idealfall arbeitet man mit seinen Schauspielerinnen und Schauspielern über Jahre zusammen. Dadurch bekommt man ein gutes Gefühl dafür, was passt, was sinnvoll wäre und wie man mit Unvorhergesehenem am besten umgeht.

Ein Fazit

Agenturarbeit bedeutet vielmehr Gespräche zu führen, Entwicklungen mitzudenken, Konsequenzen abzuschätzen, Material zu sichten, Strategien zu entwickeln, manchmal zu bremsen, manchmal zu ermutigen, Kontakte zu pflegen und, ganz wichtig, den Überblick und einen kühlen Kopf zu behalten.

Letztlich bedeutet Agenturarbeit, unseren Klientinnen und Klienten auf diesem schwer vorhersagbaren Weg, den Rücken freizuhalten und den Rücken zu stärken, damit sie sich auf das konzentrieren können, was sie am besten können: ihre Kunst.


Im nächsten Teil dieser Blogserie geht es um die Zusammenarbeit zwischen Künstlerin bzw. Künstler und Agentur. Warum sie weit mehr ist als ein Vertragsverhältnis, welche Erwartungen beide Seiten mitbringen und weshalb Vertrauen die Grundlage jeder langfristigen Zusammenarbeit bildet.